Von Gert Friedrich
„Bruder und Schwester gering schätzen, auf Besitz verzichten – das ist schon krass“, findet Theresa Granert. Dennoch hat die 21-Jährige kein Problem mit dieser radikalen Ansprache Jesu. Sie kann die Geschichte im Lukasevangelium nachvollziehen – weil es Berührungspunkte gibt mit ihrem Leben.
Theresa Granert versteht, dass sehr viele Menschen von Jesus fasziniert waren: „Sie haben jemanden erlebt, der sich mit ihnen befasst hat, der sie angenommen und ihnen Heil geschenkt hat.“ Die junge Frau weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man Gott begegnet. Wie viele in Thüringen wuchs sie auf, ohne getauft zu werden, ohne in die Kirche zu gehen, ohne von anderen etwas über Gott zu erfahren. „Mit 13 habe ich abends angefangen zu beten. In dem Alter hinterfragt man vieles, sucht nach Halt. Erst dachte ich: Jetzt geht’s los, jetzt bist du übergeschnappt. Doch ich habe weiter gebetet, weil es mir etwas gegeben hat. Es kam eine innere Freude auf“, beschreibt Theresa Granert den Beginn ihres Lebens mit Gott.
Eine Weile lang blieb diese Erfahrung ihr „innerstes Geheimnis“. Später hat sie einer guten Freundin davon erzählt. Die hat Theresa zur Jugend der Altenburger Pfarrei „Erscheinung des Herrn“ mitgenommen. Dort fühlte sie sich wohl, fand neue Freunde, schloss sich dem Jugendchor an.
Die Taufe war eine Explosion der Freude
„Es war eine offene, herzliche Gemeinschaft. Ich bin mit Menschen zusammengekommen, bei denen Gott eine große Wohnung hat, und habe festgestellt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dort ist Gott wirklich unter ihnen. So ist in Gemeinschaft die Beziehung zu Gott gewachsen, die Beziehung zu jemandem, der mich angenommen hat, der mich liebt.“ Mit 17 hat sich Theresa Granert taufen lassen. Ihre Gefühle kann sie mit wenigen Worten wiedergeben: „Die Taufe war eine Freudenexplosion.“
Von Jesus aus auf die Mitmenschen blicken
Dass ihre Eltern bei der Taufe dabei waren, freute sie sehr. Es lag ihr am Herzen, dass dieser Schritt nicht zu einer Trennung führt. Theresa Granert sieht sich da nicht im Widerspruch zu der Forderung im Evangelium, Vater und Mutter gering zu achten: „Jesus will an erster Stelle in meinem Leben stehen, von ihm aus soll ich einen Blick auf meine Mitmenschen werfen, von seiner Liebe aus handeln.“
Was von ihr verlangt wurde, war, ihre Eltern einzuweihen und dafür zu gewinnen, dass sie ihre Entscheidung, Christ zu werden, akzeptieren. „Für meine Eltern war es schwer zu sehen: Das eigene Kind geht einen anderen Weg. Alle Eltern wollen das Gute für ihr Kind und haben eine gewisse Vorstellung, wie ein guter Weg aussehen kann. Ein fremder Weg bringt verständlicherweise Besorgnis um das Kind mit sich. Ich habe versucht, vorsichtig zu gehen. Doch es ist ihnen nicht leichtgefallen. Ich habe viele Gespräche mit meiner Mutter geführt. Noch eine Woche vor der Taufe war unklar, ob meine Eltern kommen werden“, erinnert sich die heutige Studentin.
Das Leben ändert sich grundlegend, wenn man sich bewusst entscheidet: Ich will sein Jünger sein. Das war auch für Theresa Granert so: „Leben mit Gott heißt, zu fragen, was Gott mit mir vorhat, und dazu Ja zu sagen, konsequent.“ So versteht sie auch Jesus in Lukas 14. Das mag nach radikalem Wandel, nach Verzicht und Opfer klingen. Doch das sieht sie entspannter.
Als Jugendliche hatte sie noch keine felsenfesten Pläne, die sie überdenken und womöglich auf den Kopf stellen musste. Vor allem aber ist sie überzeugt: „Gott ist die Liebe. Gott will das Gute für mich. Was das ist, weiß nur er. Manches mag hart sein, aber er begleitet mich auch durch Schwieriges hindurch. Nach nicht so leichten Zeiten habe ich oft im Nachhinein erkannt: Er war in diesem Wirrwarr bei dir und letztlich war auch diese Zeit ein Geschenk.“
Das intensive Erlebnis der Gemeinschaft
Nach dem Abitur ging sie nach Brüssel und lebte dort in einer Lebensgemeinschaft von geistig Behinderten und Nichtbehinderten. Theresa Granert hält dieses Jahr für eine Berufung. Es war von der Ausstattung, von den Mitteln her ein schlichtes Leben und nicht selten ein anstrengendes Leben. „In der Küche war alles krumm und schief. Es war auch nicht viel Geld da, um den Alltag zu bestreiten“, berichtet sie, „trotzdem war es möglich, intensiv Gemeinschaft zu erleben, Stunden beim Essen zusammenzusitzen, ausgelassen zu feiern. Und dann gab es schwierige Momente, wenn ein Behinderter eine Krise erlitt, wenn man versucht hat, sein Kreuz mitzutragen. Abends, wenn ich ins Bett ging, habe ich oft gedacht: Der Tag war so voll an Begegnungen, an Gemeinschaft – was für ein reiches Leben.“
Seither sehnt sie sich mehr nach Einfachheit. Gern würde sie nach Taizé fahren – um die Gemeinschaft zu erleben. Als ihre Eltern sie in Brüssel besuchten, wurde gerade ein Ausflug vorbereitet. Spontan schmierte die Familie Brote, plante die Route mit. Vielleicht seit dem Tag, sicher aber seit der Zeit in dieser Lebensgemeinschaft, so meint Theresa Granert, glauben auch ihre Eltern, dass die Taufe der richtige Schritt war.