Spiegelkabinett der GefühleAlle fünf Jahre finden im niederländischen Tegelen Freilichtinszenierungen der Passion Christi stattVon Eva Scheuss
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| Jesus (dargestellt von René Geijbels) zieht in Jerusalem ein – noch begleiten ihn Hosianna-Rufe. Foto: Passiespelen |
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Bereits 45000 Menschen besuchten in diesem Sommer die Passionsspiele im niederländischen Tegelen, einem Stadteil von Venlo. Zur Premiere im Mai kam sogar Königin Beatrix. Es sind die 19. „Passiespelen Tegelen“. Alle fünf Jahre wieder eine gewaltige Leistung für den Venloer Stadtbezirk mit seinen rund 20000 Einwohnern. Und doch hat gerade dieser Aufführungsort eine besondere Tradition. Denn zu Tegelen gehört das bekannte Klosterdorf Steyl, das von dem heiligen Arnold Janssen gegündet wurde. In einem der Steyler Klostergärten, dem „Doolhof“ (übersetzt: „Irrgarten“), finden seit 1931 die Passionsspiele statt. Das, was als eher bescheidenes Franzikusspiel begann, hat sich zu einem professionellen Theaterereignis mit großer Strahlkraft in die ganze Region hinein entwickelt. Bis zu 3000 Zuschauer können in dem parkartigen Gelände das Leiden und Sterben Jesu Christi nacherleben. Die Sitzplätze sind überdacht, die Bühnenlandschaft bleibt unter freiem Himmel und erstreckt sich über mehrere Ebenen. Großformatige Aufbauten zeigen den Tempel von Jerusalem und die Paläste des Herodes und Pilatus. Sie sind eingerahmt von kleineren Gebäuden, die einem dörflichen Umfeld Palästinas zu entstammen scheinen und mit vielen Accessoires sorgfältig ausgestattet wurden. Tonnen von hellem Gestein und Sand wurden herangeschleppt, es gibt Wasserstellen, Palmen und Olivenbäume. Eine ausgefeilte Lichttechnik setzt Akzente in dem Terrain. Und in dieser Landschaft entfaltet sich seit Mai an jedem Sonntagnachmittag über fast drei Stunden ein gewaltiges Panaroma von der Passion Christi. Besonderheit: Alle Mitwirkenden sind Laien. Auf der Freilichtbühne sind es 300 Personen, etwa 100 wirken im Hintergrund. Jesus-Darsteller René Geijbels etwa ist Lehrer an einer Grundschule. Fast anderthalb Jahre lang hat allein er sich auf die Aufführungen vorbereitet. Seit Herbst 2009 probte das gesamte Ensemble, ab Februar 2010 übrigens nur noch unter freiem Himmel. Rund 150000 ehrenamtliche Stunden seien dabei zusammengekommen, hat Math Schmeitz errechnet, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Der ehemalige Theaterdirektor gehört zu dem kleinen Kreis von Profis, ohne die eine derartige Aufführung nicht zu stemmen ist. Regie führte Cees Rullens, der sich mit großen Theaterprojekten in den Niederlanden einen Namen gemacht hat. Der Text stammt von dem Schriftsteller Wiel Kusters. Er wurde der Aufführung 2005 erstmals zugrunde gelegt und nun noch einmal überarbeitet. Ein Orchester aus Musikern der Region spielte die von Nard Reijnders eigens für die Passionsspiele komponierte Musik ein. Ein großer Chor im Volk setzt weitere musikalische Akzente. Und am Ende all der Anstrengungen darf wohl das stehen, was der Untertitel des Programmheftes verspricht: Ein „Levend Bewijs Spel Van Jesus’ Passie“. Jeder Schauspieler, ob Jung und Alt, ob in einer Haupt- oder Nebenrolle, vermittelt zu jeder Zeit des Geschehens den Eindruck, ganz dabei zu sein. Ein Eindruck, der sich auf das gebannt der Aufführung folgende Publikum übertragen sollte. Lebendig, dramatisch, voll innerer Spannung und großer Emotion teilt sich das Geschehen mit, ohne pathetisch oder religiös überladen zu wirken. Der eigentlich „unmöglichen“ Aufgabe, Göttliches darzustellen, will der Regisseur damit begegnen, dass er Facetten menschlichen Verhaltens wie in einem Spiegelkabinett dem Publikum vorhält. Zweifel, Hass, Trauer, Hingabe, Liebe, Unwissenheit – das Volk ,das vom „Hosianna“ zu den „Kreuzigt ihn“-Rufen umschwenkt – Möglichkeiten zur Identifikation sind unzweifelhaft vorhanden. Lazarus wird dramaturgisch als Erzählfigur eingesetzt. Der von Jesus vom Tod Erweckte harrt bis zum Kreuzestod Christi weiterhin seiner wahren Erlösung und steht damit stellvertretend für jeden Christen. Das bekannte Geschehen wird insgesamt jedoch nicht revolutionär neu inszeniert, es orientiert sich eng an den Vorgaben der Evangelien. Und bleibt damit auch im Strom der Traditition, der von den Mysterienspielen des Mittelalters herkommt. Die hatten nicht nur den Zweck religiöser Erbauung. Sie brachten in den jeweiligen Volkssprachen einem des Lateinischen nicht mächtigen Publikum das Heilsgeschehen anschaulich nahe. In Zeiten schwindender religiöser Bildung dürfte auch dieser Aspekt heute wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen. Letzte Aufführungen am 5. und 12. September, jeweils um 14.30 Uhr, Kartenvorbestellungen unter 003177/ 3263102 www.passiespelen.nl
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